Tätowierte Uhren – Materialverlust mit Wertsteigerung

(Lesezeit: 3 Min.)

Tiefe Kratzer in einer Uhr – der blanke Horror für jeden Uhrenliebhaber. Es sind die alltäglichen und nicht mehr zu entfernenden Spuren, die vor allem Luxusuhren an Wert verlieren lassen. Und auch vom ästhetischen Standpunkt freut sich wohl kaum jemand über einen geschundenen Zeitmesser. Es sei denn, die Spuren stammen von der Hand eines Meister-Graveurs, der die tiefen Kerben gezielt ins Metall gesetzt hat. Solche kunstvollen Verzierungen können den Wert einer ohnehin schon teuren Uhr noch einmal steigern. Aus einer Rolex mit einem Ladenpreis ab 5.000 Euro wird schnell ein komplett verziertes Unikat für 20.000 Euro – und mehr.

Schwarze Kerben statt Diamanten

Während früher vorwiegend Uhren aus Gold und Silber diese Art der Veredelungen erhielten, verewigen sich Meister-Graveure heute auch auf weniger edlen Metallen – Stahl zum Beispiel. Es sind Unternehmen wie Magrette aus Neuseeland und die italienische Traditionsmarke Panerai, die von Hand verzierte Uhren in limitierten Auflagen von fünf bis 99 Stück verkaufen. Der Preis für eine Magrette ist mit rund 4.000 Euro noch vergleichsweise günstig. Eine mit klassischen Ornamenten versehene Panerai liegt bei 17.000 Euro.

Eine komplett „tätowierte“ Rolex gibt es leider nicht direkt vom Hersteller. Wer statt Diamanten auf dem Zifferblatt lieber eine kontrastreich verzierte Rolex haben möchte, muss sie entweder selbst zum Graveur bringen oder bekommt sie bei einem Anbieter wie Made Worn in den USA. Die Preise liegen hier zwischen 12.000 und 28.000 Dollar.

Trotz der hohen Preise wirken diese Uhren keineswegs wie elitäre und wohlbehütete Tresorstücke, sondern eher wie sportliche Zeitmesser, die ein paar Tattoos verpasst bekommen haben. Sie gehen durchaus als straßentauglich durch. Erst recht, wenn der Besitzer selbst Tattoo-Träger ist.

MadeWorn-Engraved-Rolex-watch-1

Fotos: Ariel Adams von aBlogtoWatch.com

Von der Büchse ans Handgelenk

Die Ornamente auf den meist wenige Quadratmillimeter großen Flächen der Luxusuhren stammen von erfahrenen Graveuren, die sich auf das kunstvolle Verzieren von Jagdgewehren spezialisiert haben. So stellte die italienische Uhrenmarke Squale auf der Uhrenmesse Baselworld 2015 den Prototypen einer Taucheruhr aus Bronze aus, die der Meistergraveur Mario Terzi veredelt hat.

Terzi graviert für bekannte italienische Gewehrhersteller. Einer von ihnen liefert im Jahr nur 20 bis 30 Jagdgewehre aus. Wohlhabende und prominente Kunden nehmen dafür fünf bis sieben Jahre Wartezeit in Kauf – und zahlen fünf- bis sechsstellige Beträge.

Fotos: Squale

Für Terzi macht es vom Handwerklichen keinen Unterschied, welchen Gegenstand oder welches Material er graviert. Einzig die kleinen Flächen eines Uhrengehäuses bedürften einer Planung und Zeichnung der Motive vorab. Überhaupt ist er der Ansicht, dass ein guter Graveur immer auch ein guter Zeichner und Künstler sein müsse. Denn wie bei einem Tattoo, geht jeder Gravur eine detaillierte Zeichnung auf Papier voraus. Der Künstler überträgt sie im Anschluss auf das Uhrengehäuse und arbeitet die Ornamente sorgsam heraus. Ob in Neuseeland, Amerika oder Italien – das Prozedere ist überall dasselbe.

Unterschiedlich hingegen sind die Motive, die Uhrenhersteller ins Metall einarbeiten lassen. So arbeitet Mario Terzi  gerade an einer Squale-Taucheruhr mit Haifisch-Motiv. Die Uhrenmarke Magrette setzt auf Maori-Ornamente – den Tätowierungen der Ureinwohner Neuseelands entlehnt. Made Worn in den USA lässt Rolex-Uhren von amerikanischen Gewehr-Graveuren verzieren. Die Ergebnisse vermitteln einen Hauch von Wild West. Und die italienische Luxusmarke Panerai setzt auf traditionelle Muster wie die Florentiner Lilie.

PAM00604_Dett02

Fotos: Panerai

Perfekter Materialverlust 

Diese Form der Uhren-Veredelung zeigt, dass eine Gravur nicht bei einer Widmung auf der Rückseite einer Uhr enden muss, sondern sich auch kunstvoll über die ganze Uhr erstrecken kann. Und da es sich um reine Handarbeit handelt, ist jede Uhr einzigartig und gewinnt an ideellem  und materiellem Wert. Trotz eines gewissen Materialverlusts.

Nur einen Nachteil haben diese Uhren – von den hohen Preisen einmal abgesehen. Wer sich für sie begeistert und länger mit ihnen beschäftigt, dem wird in Zukunft jede normale Uhr ein wenig nackt und unfertig erscheinen. Eine Aussage, die so mancher Tattoo-Freund sicher gut nachvollziehen kann.

Fotos: Magrette

Theodossios Theodoridis

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere